Kinder- und Jugendprojekt Piatra Fintinele
Aktuelles Das Projekt So helfen Sie Fintinele ganz persönlich Fotogalerien Kontakt

Neues aus Fintinele

19. Mai 2008

Puppentheater in der Kinderklinik

Wann kommt der Froschkönig? Gespannt warten die Kinder darauf, dass die vier Puppenspielerinnen (vorne) mit der Vorstellung beginnen. Was ist denn das? Staunende packen die Kinder die Spielsachen aus, die von Playmobil gespendet wurden. Etwas Süßes zur Pause: Christina Ellmann verteilt die von Lebkuchen Schmidt gespendeten Leckereien.

Den "Froschkönig" kennt in Rumänien jedes Kind

Die Geschichte des fünfeinhalbjährigen Jungen auf der Kinderstation des Krankenhauses in Bistrita (Siebenbürgen) wird Christina Ellmann nicht mehr vergessen. Seit seiner Geburt lebt der Kleine im Krankenhaus, obwohl er kerngesund ist. Während die anderen Kinder nach mehr oder weniger langen Behandlungen wieder entlassen werden, bleibt er zurück und wartet darauf adoptiert zu werden. „Das Kind sieht zweimal am Tag eine Krankenschwester – das war’s“, erinnert sich die 21-jährige Medizinstudentin. Betreuung, Förderung oder Zuwendung gibt es für den Jungen praktisch nicht. Und dieses Schicksal, dass zur Adoption freigegebene Kinder in Krankenhäuser abgeschoben werden, sei leider kein Einzelfall, berichtet die junge Frau.
Zwei Jahre ist es her, dass Ellmann den kleinen Buben kennen gelernt hat, als sie vor Beginn ihres Studiums, ein mehrwöchiges Pflegepraktikum in dem Siebenbürger Krankenhaus absolviert hatte. Dabei hat sie gesehen, wie stark die Standards dort von den hiesigen abweichen. Nicht nur medizinisch läuft das im Januar 2007 in die EU aufgenommene Rumänien trotz allen Bemühens noch hinterher. Auch bei der über die reine medizinische Versorgung hinausgehenden Betreuung gibt es enorme Unterschiede. Spielzeug, Stifte oder gar ein eigenes Spielzimmer, wie sie auf Kinderstationen in hiesigen Kliniken selbstverständlich sind, findet man dort meist nur, wenn zufällig eine ausländische Hilfsorganisation Spenden vorbeigebracht hat. Der Ton der Krankenschwestern gegenüber den kleinen Patienten ist wesentlicher rauer, als man es von deutschen Krankenhäusern gewohnt ist, und im Kindergarten schämt sich die Leiterin vor den deutschen Besuchern, weil sie ein behindertes Kind in ihren Reihen hat.
Die junge Studentin, die als Vorsitzende des Vereins „freudenfeuer“ ein rumänisches Kinder- und Jugendprojekt in Piatra Fintinele in der Nähe von Bistrita unterstützt, wollte nach ihren Erfahrungen etwas für die Klinikkinder tun. Mit drei Kommilitoninnen (zwei Medizinerinnen und eine Zahnmedizinerin), tat sie sich zusammen und fuhr in den Semesterferien mit Bus und Bahn nach Rumänien.
Ziel der jetzigen Reise waren mehrere Städte der im äußersten Osten des Landes gelegenen Region Moldau (nahe der Grenze zur gleichnamigen Republik Moldau) sowie die Hauptstadt Bukarest. In insgesamt acht Einrichtungen, zu denen der rumänischer Partnerverein „Tasuleasa social“ vorab Kontakt aufgenommen hatte, bauten die vier Erlangerinnen ihre kleine Puppenbühne auf und inszenierten vor staunenden Kindern den „Froschkönig“, eines der Grimm’schen Märchen, die auch in Rumänien jedes Kind kennt. „Wenn die Prinzessin den Frosch küsste und der sich in einen Prinzen verwandelte, dann gab’s die meiste Aufregung“, berichtet Ellmann. Nur das Publikum eines Behindertenheims in Bukarest reagierte ungewöhnlich verhalten auf die Aufführung der jungen Deutschen. Erst im Nachhinein erfuhren die vier, dass dies durchaus als Erfolg zu werten sei: Denn die unübliche Stille war – so die Betreuer – ein Zeichen dafür, wie konzentriert die teils schwer behinderten Kinder das Geschehen verfolgten.

Spenden aus "germania"

Zudem kamen die Besucher aus „germania“ nicht mit leeren Händen. Die Nürnberger Firma Lebkuchen Schmidt hatte Lebkuchen, Zimtsterne, Stollen und anderes Weihnachtsgebäck spendiert. Der Zirndorfer Spielwarenhersteller Playmobil steuerte ein großes Paket mit Polizeistation, Bauernhof und Spielfiguren bei und Faber-Castell aus Stein packte Buntstifte und Straßenmalkreiden zusammen, damit die Kinder auch dann noch eine Beschäftigung haben, wenn das Puppentheater schon weitergezogen ist.
Mit den schrecklichen Bildern von angeketteten, in ihrem eigenen Kot liegenden Kindern, wie sie kurz nach der Revolution von 1989 um die Welt gingen, hat die Wirklichkeit in rumänischen Behindertenheimen und Krankenhäusern heute nichts mehr zu tun, wenngleich Ellmann einräumt: „Wir haben sicher nur die Einrichtungen gesehen, die man herzeigen kann.“ Tatsächlich habe sich aber in den vergangenen Jahren auch viel verbessert. So schicken teilweise die Behörden Sozialarbeiter in Familien, wenn sie feststellen, dass junge Krankenhauspatienten unterernährt und offenbar vernachlässigt werden. Erst wenn sich die familiäre Situation bessert, kommt das Kind zurück in die Familie. Das eigentlich vorbildliche Vorgehen hat allerdings einen Haken: Weil es für solche Fälle keine Heime gibt, müssen manche Kinder zum Teil über Monate und Jahre im Krankenhaus ausharren, bis sie nach Hause dürfen.
Und auch in der alltäglichen ärztlichen Versorgung hat das osteuropäische Land noch nicht das EU-Niveau erreicht, wie die vier Erlanger Studentinnen erleben konnten. In Hermannstadt wohnten die Frauen bei einem Zahnarzt, der ihnen seine Praxis vorführte: ein kleiner Raum mit einem Behandlungsstuhl und einem Schreibtisch. Fünf bis sechs Patienten pro Tag würden ihm sein Auskommen sichern, habe der Zahnarzt berichtet, während er an einer Patientin eine Wurzelbehandlung durchführte. Die nächste Patientin wartete bereits. Sie hatte, bis sie drankam, auf einem Melkschemel in der Ecke des Behandlungsraums Platz nehmen dürfen.

Text: Georg Klietz

Impressum Technische Hinweise Rechtliche Hinweise (c) freudenfeuer e.V. 2006