Kinder- und Jugendprojekt Piatra Fintinele
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Fintinele ganz persönlich

Anja Uhlmann-Useriu in Rumänien

Von April 2004 bis Januar 2007 wohnte Anja Uhlmann-Useriu in Bistritz. Vor Ort begleitete sie die Entwicklung des Projektes und schilderte in ihren Briefen aktuelle Geschehnisse, Eindrücke und persönliche Erlebnisse rund um das Projekt - Fintinele ganz persönlich eben.

"Geschichten aus der Stille"


01. Juli 2006 Liebe Freunde

Wie ein Tuch breitet sich Stille über Fintinele.
Die Hühner gackern und gurren leise, der Wind lässt die Blätter behutsam rascheln, nur ab und zu ertönt das Bellen der Hunde.
Leichte Rauchfahnen steigen noch aus den stattlichen Baumstämmen rund um die Feuerstelle und erinnern an das geheimnissvolle Licht, das sie als Schwedenfeuer unter den Sternenhimmel zu zaubern vermochten.
Eben noch haben wir dem Kleinbus nachgewunken, mit dem unsere fleißigen Gäste aus Langenzenn an diesem frühen Morgen die weite Heimreise nach Franken antraten und wenig später auch dem, der unsere taubstummen Helfer aus Oradea zum Bahnhof nach Vatra Dornei brachte.
In der Stille schwingt die Wehmut, die das Abschiednehmen von Freunden immer begleitet.
Doch einen Ort der Begegnungen, einen Ort, der ein Stück der Seele jedes einzelnen beherbergt, einen Ort, der ein unsichtbares Band zu so vielen Menschen zu weben vermag, umgibt stets der Kreis von Abschied und Wiederkehr.
Aber was tut man am besten gegen den Anflug von Traurigkeit? Man lässt Erinnerungen aufleben! Und genau das werde ich nun tun.....

Auftakt der ereignisreichen letzen Wochen war die Baumpflanzaktion vom 13. bis 20.Mai, deren Debüt bereits im vergangenen Jahr stattfand.
Chrissi Ellmann war es gelungen, eine bunt gemischte Gruppe aus 17 Schülern und Studenten der Schülerinitiative Rumänienhilfe (SIR) Langenzenn zusammenzutrommeln, von denen manche zum ersten Mal nach Rumänien aufbrachen, während andere bereits zu den älteren „Finti-Hasen“ zählten. Gemeinsam hatten sie den Wunsch, das Projekt Piatra, für das sich die Initiative seit vielen Jahren durch gelungene Aktionen wie „Weihnachtsmarkt“, „Sternsinger“ oder „Helping hands“ stark macht, zu besuchen sowie in den Wäldern um das Projekt mit dem Pflanzen von Bäumchen Zeichen zu setzen gegen die Zerstörung, die der jahzehntelange Holzklau in Rumänien verursacht hat.
Finanziell unterstützt wurde die Aktion durch die Johanniter Unfallhilfe Lauf, deren Ortsbeauftragter Lorand Szüszner ebenfalls nach Fintinele kam, durch die Gemeinde St.Otto in Cadolzburg, das Autohaus Pillenstein und die Fuhrpark Profis, die für die Fahrt je einen Kleinbus zur Verfügung stellten.
Rumänien ist ein Land mit unzähligen Facetten, in dem zwei Jahrhunderte nebeneinander zu verlaufen scheinen. Während knallfarbene Bungalows aus dem Boden sprießen, verfügen entlegene Dörfer noch immer weder über fließendes Wasser noch über Strom, werden Pferdewagen von teuren Flitzern überholt, hausen Zigeuner auf Müllkippen, steht Korruption noch immer auf der Tagesordnung, herrscht bittere Armut, während aber auch zarte Ansätze einer besseren Zukunft deutlich zu erkennen sind.
Um den jungen Leuten aus Deutschland diese Vielseitigkeit zu zeigen und deutlich zu machen, rief Alin zunächst zu einer 15 km langen Wanderung in die Gemeinde Lunca Ilvei auf. Auf schlammigen Pfaden durch den Wald, vorbei an abgelegenen Dörfern, wurde so manchem schnell klar, wie weit und beschwerlich der Schulweg für die dort lebenden Kinder sein muss.
Die zweite Hälfte des Weges durften wir auf Pferdewagen zurücklegen. Eine solche Fahrt auf Rumäniens holprigen Straßen erfordert eine ausgefeilte Festhaltetechnik und stabile Bandscheiben. Die eher lockere, entspannte Haltung der rumänischen Landbevölkerung auf den harten Brettern der Wagen ist wohl das Ergebnis jahrelanger Gewohnheit.
Während die transsilvanische Landschaft an uns vorbeiflog, mit ihr Kühe, Hunde und grüßende Menschen und wir uns krampfhaft an den Sitzbänken festkrallten, konnten wir fasziniert dem raunenden Zwiegespräch zwischen Kutscher und Pferden lauschen...“Hois, calule, hois...“
Lunca Ilvei gehört zu den Gemeinden, die zeigen, dass es auch in Rumänien aufwärts gehen kann – mit einer Verwaltung, die zukunftsorientiert und zum Wohle aller, die dort leben wirtschaftet, anstatt gerissen den eigenen Geldbeutel zu füllen. Nachdem sich unsere Verblüffung über die gepflegten, modernen Gebäude, die Infrastruktur und Sauberkeit dieses Ortes gelegt hat, wurden wir mit einem köstlichen Schmaus und der einnehmenden rumänischen Herzlichkeit empfangen.
Zurück in Fintinele rückte Verstärkung für die am nächsten Tag angesetzte Pflanzaktion an. 20 Jugendliche aus Bistrita und 20 aus Prundu Birgaului konnten es seit Wochen kaum erwarten, ihre deutschen Kollegen in die Wälder zu begleiten.
Und schon bald wimmelte es auf einem Waldstück, das einer kahlen Mondlandschaft glich, von fleißigen Waldarbeitern, die, unter den Argusaugen der Förster, Fichtensetzlinge in die Erde gruben. Ein mühsames Unterfangen, da der Boden hart und die Chefs im grünen Anzug streng waren. 60 x 80 cm sollten die Gräben sein und es wurde nachgemessen.
Zwei Tage lang erschollen aus allen Himmelsrichtungen die deutschen und rumänischen Schlachtrufe „Baum!!!“ und „Copacel!!!“, was bedeutete, dass wieder eine neuer Graben für einen Setzling bereit war. So mancher der jungen Wilden erwies sich dabei als regelrechte „Pflanzmaschine“...
Wie bereits im letzten Jahr sorgten die netten Nonnen des Klosters Piatra Fintinele dafür, dass die Mägen der Mannschaft um die Mittagszeit nicht allzu lang knurren mussten.
Das Ergebnis der Pflanzaktion kann sich sehen lassen und wird hoffentlich niemals kreischenden Motorsägen zum Opfer fallen: In zwei Tagen wurden tatsächlich 8 Hektar Waldboden mit fast 7000 Bäumchen bepflanzt!

Am letzten Abend wurde auf den Projektgelände nicht nur ein riesiges Lagerfeuer errichtet, sondern auch eine Radiostation, denn der größte rumänische Sender R1 berichtete landesweit live über die Aufforstung. Die gesamten Technik befand sich auf einem Pferdewagen unter freiem Himmel und Moderator Florin Sasarman, mit Kopfhörern auf einem Baumstumpf thronend, befragte deutsche und rumänische Jugendliche zu ihren Eindrücken und Erlebnissen. Dabei schickten die „Erwachsenen von morgen“ klar und deutlich eine Mission hinaus in alle Teile Rumäniens: Unsere Generation setzt sich aktiv und gemeinsam für die Erhaltung der Natur ein und hat mehr zu bieten hat als nur bequeme Resignation!
Doch auch die entschlossensten Kämpfer haben ein Recht auf ausgelassenes Feiern und so fanden die bewegten Tage einen angemessenen Ausklang am meterhoch lodernden Feuer, begleitet von Gesang und Gitarrenklängen Florin Sasarmans. Im Stimmengewirr und Lachen in den unterschiedlichsten Sprachen, erklomm auch so mancher Funke, der nicht den Flammen des Lagerfeuers entsprungen war.
Der Abschied am nächsten Tag fiel allen sehr schwer und fand nicht ohne die eine oder andere Träne statt.
Gerne und stets mit einem Lächeln erinnere ich mich an die Zeit mit diesen lebensfrohen und zugleich so ernsthaften jungen Leuten, deren Horizont nicht nur bis zur Grenze des eigenen Wohlergehens reicht.

Kaum war die Aufforstung abgeschlossen, stand auch schon der Kindertag, der in Rumänien traditionell am 1.Juni stattfindet, vor der Tür. Wie im letzten Jahr veranstaltete Tasuleasa Social mit Unterstützung der Johanniter Unfallhilfe Lauf einen Straßenmalwettbewerb im Park von Bistrita. 250 Kinder nahmen daran teil und zeigten der Erwachsenenwelt in Form von bunten Kreidegemälden auf dem Asphalt, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen.
Es regnete nicht an diesem Tag und so bleibt die Hoffnung, dass viele der Vorbeieilenden den kindlichen Mahnmalen zumindest ein kleines bisschen ihrer Aufmerksamkeit schenkten.

Ebenfalls am 1.Juni kamen unsere „Mutii“ (gesprochen: Muzi), zu Deutsch unsere Taubstummen, aus Cristi Masarics Gemeinde in Oradea nach Fintinele um 4 Wochen in ehrenamtlicher Mission auf dem Projekt zu arbeiten. Seit drei Jahren können wir auf diese liebenswürdigen und tüchtigen Menschen zählen, deren Hände sprechen und zugleich arbeiten und deren Gesichter die Freude, Gutes zu tun, ohne Worte ausdrücken.

Heftige Gewitter mit sintflutartigen Regenschauern waren die Folge einer etwa 10-tägigen Hitzeperiode und diesmal traf es ein Tal im Landkreis Bistrita-Nasaud am schlimmsten. Ein sonst unscheinbares, friedliches Bächlein schwoll innerhalb weniger Stunden zu einem gewaltigen Strom heran und riss Häuser, Menschen und Tiere mit sich.
Nicht zu leugnen ist die Tatsache, dass der durch Menschenhand schwindende Wald nun auf verheerende Weise sein Tribut fordert.
Wieder war es unser Verein, der zu allererst, noch vor Besuch des rumänischen Präsidenten, zur Stelle war. Mit Hilfe von Alin, Florin, Claudiu, Liviu und Chrissi konnten die, die ihr Hab und Gut und schlimmstenfalls auch Familienangehörige in den schlammigen Wassermassen innerhalb weniger Stunden verloren hatten, mit Lebensmitteln aus unserem Johanniter-Depot und Trinkwasser versorgt werden.

Am 24.Juni fuhr wieder ein Bus des Autohauses Pillenstein vor. Eine 9 – köpfige Gruppe der SIR-Langenzenn rückte zu einem 7-tägigen Baueinsatz auf dem Projekt an. Mit von der Partie die Lehrkräfte Willy Meister und Wolfgang Eschenbeck sowie 6 Schülerinnen und ein Schüler, für die es, bis auf eine Ausnahme, die erste Fahrt nach Rumänien war.
Der Zauber des Projekts schlug sie innerhalb weniger Stunden in seinen Bann und Willy II, der Hahn im Schülerkorb, erklärte entschlossen, er würde hier bleiben. Wenn da nur nicht das Abi wäre...
Da Alin stets bemüht ist, ein Gesamtbild seiner Heimat zu übermitteln, besuchte die Truppe mit ihm ein Sägewerk am Birgau-Pass, von wo wir die Schindeln für das Dach der neuen Küche erhalten.
Ich wage zu behaupten, dass keiner der Jugendlichen bisher ein derartiges Sägewerk zu Gesicht bekommen hatte, geschweige denn, dessen Existenz für möglich gehalten hätte.
In einem baufälligen Schuppen haust ein wahres Ungeheuer aus Eisen, feuerspeiend und dröhnend, mit dem Domnul (auf Deutsch: Herr) Ion, der Chef, mit Hilfe seiner Frau, Bretter zu sägen vermag. Domnul Ion, stets mit leicht trübem Blick aus blutunterlaufenen Augen, umhüllt von einem Hauch Schnaps, war so freundlich, den Sägedrachen für uns zum Leben zu erwecken, damit wir uns ein Bild von dessen tadelloser Funktionsfähigkeit machen könnten. Den Diesel, den der Drache zu schlucken pflegt, sog Domnul Ion „eigenmündig“ mit einem Schlauch aus Alins VW-Bus.
Des Domnuls Mutter drückte und herzte währenddessen ein Mädel nach dem anderen, bat sie auch in ihre gute Stube und brach in Begeisterung aus, als sie meinen Fotoapparat erblickte. Gerne tat ich ihr den Gefallen und knipste einige Portraits von ihr und ihrer Familie, sicherlich die ersten ihres Lebens.
Sichtlich beeindruckt und im Stillen sehr erleichtert, dass die Hütten unseres Projekts mit Domnul Ions Behausung lediglich die schöne Aussicht auf die untergehende Sonne gemeinsam haben, kehrten wir zurück.
Am nächsten Tag legte sich die Mannschaft wirklich schwer ins Zeug. Während die Sonne vom Himmel brannte, wurden mit erstaunlicher Energie Bretter mit Holzlasur eingelassen und Steine gesiebt und abgespritzt.
Wie gut, dass rumänischeUnterstützung nahte. 6 starke Jungs, allesamt Gymnasiasten aus Bistrita, kamen um mitanzupacken. Mittlerweile hatte ein Lastwagen nämlich neben den Keller des entstehenden Küchengebäudes einen beachtlichen Berg von Steinen abgeladen. Diesen abzutragen, um die Drainage der Küche damit zu füllen, war das Ziel, das alle vor Augen hatten. Mit Schaufeln, Hacken und Händen wurden die leider sehr kantigen und daher widerspenstigen Steine in Schubkarren und Mülltonnen gefüllt, mit denen sie abtransportiert und in die Schächte geleert wurden.
Sisyphos, der beim Anblick des Steinhaufens sicher hämisch frohlockt hätte, hätte spätestens am Abend des letzten Arbeitstages eine herbe Enttäuschung erlebt, denn der Berg ist ein ganz beachtliches Stück geschrumpft.

Ein kleines Abschiedsfest im Schein des Lagerfeuers und der baumhohen Schwedenfeuer läutete das Ende einer erfolgreichen und harmonischen Aktion ein. Alin, Willy I und auch Adi, der einzige unserer Taubstummen, der sich auch verbal artikulieren kann, dankten allen für ihre tatkräftige Unterstützung und die gute Zusammenarbeit. Während die Aufzeichnung eines Konzert von Ada Milea und Alexander Balanescu auf einer großen Leinwand sich wie angegossen in die Romantik unter dem fulminanten Sternenhimmel einfügte, spürten sicher viele, ob aus Deutschland oder Rumänien, dass Fintinele eine wundersamer und wunderbarer Ort auf dieser Welt ist.

Meine lieben Freunde, ich hoffe, ihr hattet Freude an meiner Erzählung und plant schon euren nächsten Besuch in Fintinele. Ihr seid mir nämlich alle sehr ans Herz gewachsen!
Auch wünsche ich den Schülergruppen der SIR Nürnberg und Marquartstein, die uns in den nächsten Wochen vor Ort unterstützen werden, eine gute Fahrt. Wir freuen uns auf euch!

Noch immer ist es still hier in Fintinele, die Hühner scharren gleichmütig in der Erde und die Hunde dösen träge in der Sonne.
Doch schon bald wird ein Bus vollbeladen mit Kindern und Erzieherinnen aus Mattis’ Kindergarten eintreffen, die den Nachmittag bei uns mit Spielen und Toben an der frischen Landluft verbringen werden.
Und die Stille, die sich im Augenblick noch wie ein Tuch über Fintinele breitet, wird dem wunderbaren Klang fröhlichen Kinderlachens weichen.

Eure Anja

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